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Sonntag, 8. August 2010
Renn, wenn du kannst
dopo, 18:29h

Es ist eine dieser kleinen, fast schon winzigen Produktionen, die am Ende größeres Kino darstellen, als es den meisten aufgeblasenen Big Budget Filmen je gelingen wird. Dabei klingt die Dreiecksgeschichte auf den ersten Blick gar nicht so innovativ und frisch, wie sich der Film am Ende herausstellt. Ein Rollstuhlfahrer mit unbekannter Vorgeschichte (Ben) und sein Zivi (Christian) sind an der gleichen Frau (Annika) interessiert.
Regisseur Brüggeman verzichtet dankenswerterweise auf Mitleid, was mit der Figur Bens schon zusammenhängt. Es handelt sich nicht um einen charismatischen Sympathiebolzen, sondern um einen kratzbürstigen Mitzwanziger mit scharfer Zunge, der mit den Hürden seiner Querschnittlähmung zu Recht kommen muss. Aufgrund seiner (im Film sehr lange geheim gehaltenen) Vorgeschichte ist Ben zu den Menschen, die Zuneigung oder Liebe für ihn empfinden, besonders abweisend und hart. Hat er noch nie Liebe erfahren oder liegen tiefschürfende Ereignisse in der Vergangenheit, die sein kühles und rationales Verhalten begründen?! Mit dieser Frage setzt sich der Film auseinander und zeigt die Entwicklung eines Menschens, der lernen muss anderen zu vertrauen und seine Behinderung nicht ausschließlich als Ausschluss aus dem gesellschaftlichen Leben zu sehen.
Die Dialoge sind geschliffen scharf, die Darsteller brillieren trotz geringer Erfahrung und erschaffen das beste 3-er Dreamteam auf der Leinwand im Jahre 2010. Dank der eher unbekannten Schauspieler sind die Gesichter noch nicht in das Hirn des Zuschauers eingebrannt, was die Authentizität der Figuren deutlich erhöht. Die Geschichte scheint wahr zu sein und unterbewusst stellt man kaum fest, dass man in einem Kinofilm sitzt. Es gelingt den Machern eine flotte, unterhaltsame und dennoch ganz und gar nicht oberflächliche Geschichte zu zaubern, die lange noch nachhallen wird.
Freundschaft und Liebe können oft nah beieinander stehen, weil sie sich in Ihrer Grundstruktur nun mal ähneln. Das Vertrauen in Menschen macht es sogar möglich, alte Wunden vielleicht nicht komplett verheilen zu lassen, aber es lässt sich wahrscheinlich besser mit leben. Und dennoch bleibt am Ende die Gewissheit, dass bei jungen Menschen, die ihre persönliche und berufliche Entwicklung noch nicht abgeschlossen haben, ein dauerhaftes Zusammensein selten machbar ist, sofern man nicht ewig zu dritt auf dem Balkon sitzen bleibt.
9/10
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