Freitag, 10. Februar 2012
Hugo Cabret + Für immer Liebe + Die Unsichtbare



Man muss schon zweimal hinschauen, um wirklich zu glauben, dass dies ein Film von Martin Scorsese ist. Der Mann, der seine Protagonisten gerne vor Abgründe stellt, hat eine bildgewaltige Hommage an das frühe Kino Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts in wunderschönen Bildern gedreht. Normalerweise würde Scorsese den Hauptschauplatz (hier: ein Bahnhof) in schmutzigen Aufnahmen einbetten, in HUGO CABRET leuchtet der Bahnhof in warmen Farben, Schmutz sucht man vergeblich, der „Bösewicht“ ist skurril überzeichnet und sorgt gar für herzhaftes Lachen. Dieser kleine Kosmos wird dem Zuschauer auch noch in 3D serviert, was bei diesem Regisseur die zweite Überraschung ist. Wenn doch jeder Filmemacher aus Hollywood so viel Liebe und Herzblut bei der technischen Ausführung stecken würde, wäre 3D beliebter denn je.

Zur Geschichte: Der Waisenjunge Hugo arbeitet im Bahnhof von Paris als Uhrenwächter; er sorgt dafür, dass keine einzige Uhr stehen bleibt. Nach dem Tod seines Vaters hat ihn sein Onkel unter seine Obhut genommen bzw. er zwingt Hugo diesen Beruf zu lernen und nicht mehr zur Schule zu gehen. Dabei muss Hugo sehr vorsichtig seine Arbeit verrichten, denn der Stationsaufseher (urkomisch gespielt von Sacha Baron Cohen) macht Jagd auf alles, was den Betrieb durcheinander bringen könnte – somit auch auf Waisenkinder. Das Einzige, was Hugo noch besitzt, ist eine mechanische Metallfigur, die er reparieren will, um dem Geheimnis hinter der Figur und vielleicht gar der eigenen Vergangenheit auf die Spur zu kommen. Ein großes Abenteuer beginnt, was im schönsten Filmfinale der letzten 12 Monate endet.

Auch wenn die Geschichte am Anfang etwas schwerfällig in Fahrt kommt und sich unglaublich viel Zeit nimmt die Figuren vorzustellen, der Zuschauer wird belohnt und das bereits bevor ein genialer Kniff im Drehbuch das kinderfilmartige Abenteuer in eine liebevolle Liebeserklärung an das Kino umwandelt. Diese Wandlung bringt die Kinomagie auf die Leinwand, der in den Szenen gehuldigt wird. Ebenso ist es ein Wunder, wie ein techniküberfrachteter Film für 170 Millionen Dollar so viel Seele haben kann und sich trotzdem niemals unecht anfühlt. Kamera, Sound, Score und die 3D Effekte sind allesamt sensationell. Der Kauf der Kinokarte lohnt sich dreimal und die Oscarnominierungen in sämtlichen Kategorien sind absolut gerechtfertigt. Ohne die Schwächen am Anfang wäre es ein Meisterwerk sondergleichen geworden, so ist es nicht wirklich weit davon entfernt.

9/10









Pünktlich zum Valentinstag muss natürlich eine der tollsten Liebesgeschichten aller Zeiten verfilmt werden. Alle Jahre wieder. In diesem Fall scheint die Ausgangssituation auch wirklich für viel Herzschmerz sorgen zu können. Das junge Paar Leo und Paige sind überglücklich verheiratet und führen ein unkonventionelles Leben. Durch einen tragischen Unfall verliert Paige ihr Gedächtnis und kann sich nicht mehr an ihren Ehemann erinnern, dafür aber an ihr Leben weit vor dem Kennenlernen von Leo. Wie gelingt es Leo nun Paige wieder in das Hier und Jetzt zu holen, wird sich Paige jemals wieder erinnern oder nochmals in ihren Traummann verlieben?! Beim ersten Drehbuchentwurf muss nun jeder Filmemacher entscheiden, in welche Richtung sein Werk gehen soll und wie real die Geschichte aufgebaut werden soll.

Leider wurde sich für eine recht amerikanische Variante entschieden. Überall gibt es spannende Ansätze in den Figuren, nur sehr selten wird dem nachgegangen, sodass sich das Geschehen stets nur auf der Oberfläche bewegt. Natürlich soll ein romantischer Film keine tiefgründige Charaktersezierung sein, letztlich würde ein mehrdimensionaler Ansatz für mehr Glaubwürdigkeit sorgen und letztendlich auch für mehr Romantik. Stattdessen verliert sich „Für immer Liebe“ in einer Ansammlung von Klischees: Paige ist mit ihren Eltern hoffnungslos zerstritten, welche die Amnesie ihrer Tochter natürlich für Wiedergutmachung nutzen wollen. Leider ist der vorweg gegangene Bruch mit den Eltern komplett unglaubwürdig dargestellt, wie auch die grundsätzliche Charakterzeichnung und Entwicklung. Niemand nimmt Channing Tatuum als Leo wirklich ab, dass er ein eigenes Tonstudio besitzt und Musik sein Leben ist. Wieso aus der spießigen Paige (teils wirklich nervig: Rachel Mc Addams) die Künstlerin wurde, bleibt unerwähnt, ebenso warum sie ihrer vergessenen Vergangenheit derart uninteressiert entgegen blickt. Hier äußert eine Ärztin einen psychologischen Verdacht, der im Film wie so ziemlich alles bedeutungslos ins Leere läuft.

So erstickt der Film viele romantische Momente und Möglichkeiten im Keim und macht aus der großartigen Liebesgeschichte, die gar auf wahren Begebenheiten beruht. Massenweise Potenzial wird fast schon respektlos in die Ecke geworfen und so wird eine schier unendlich romantische Story gegen ein unbedeutendes Abziehbildchen ausgetauscht. Da hilft es auch wenig, dass am Ende auf ein überkitschiges Ende verzichtet wird und der Orchestergraben im Soundtrack keinen Platz gefunden hat. Die letzten Momente des Films haben mehr Charme und Authentizität als die übrigen Filmminuten vorab. Sehr schade, aber der Valentinstag und die angekündigten Ladies-Nights werden den notwendigen Erfolg schon bringen. Die Taschentücher bleiben jedoch die meiste Zeit trocken.

5/10









Kaum läuft der Trailer zum Film „Die Unsichtbare“, der bereits im Sommer 2010 gedreht wurde, im Netz, schon häufen sich kritische Kommentare ohne den Film in der Gesamtlänge überhaupt gesehen zu haben. Nein, dieser Film hat nur in geringem Maße mit „Black Swan“ zu tun und bis auf Teile der Grundsituation sind die beiden Inszenierungen so unterschiedlich, wie nur sein können. Die Schauspielschülerin Fine wird auf Ihrer Schule nicht sonderlich geachtet. Zu unsicher, zu unbeholfen agiert sie auf der Bühne. Ihr wird geraten, einen neuen Beruf zu lernen. Dabei stehen unverschuldete private Probleme in Ihrem Weg. Ihre Schwester ist schwerstbehindert und benötigt jede Hilfe, die möglich ist. Fine war bisweilen immer in Sachen Aufmerksamkeit und Zuneigung an zweiter Stelle, was auch ihrer leicht depressiven Mutter bewusst wird. Nun will der bekannte Regisseur Kaspar Friedmann sein neues Stück ausschließlich mit Schauspielstudenten besetzen und sucht Fine völlig überraschend für die Hauptrolle aus und wird insbesondere von ihr noch alles abverlangen.

„Die Unsichtbare“ ist eine tiefgründige Charakterstudie, die persönliche Probleme der Darsteller ernst nimmt und den Blick für ihr Leben offen hält. Die Figuren sind echt, sie atmen die gleiche Luft wie der Zuschauer und bleiben nonstop konstant auf Augenhöhe. Es gelingt Regisseur Schwochow einen schier unendlich realistischen Einblick in die Arbeit von Bühnenschauspielern und belässt die authentische Einstellung seines Films konsequent bei, was dann auch der entscheidende Unterschied zum offenbaren Ebenbild „Black Swan“ ist. Hier werden keine horrorfilmartigen Einstellungen benötigt, niemand ist derart psychisch krank, dass er sich selbst nicht mehr wahrnimmt und die Mutter-Tochter-Beziehung findet auf einer schmerzhafteren Ebene statt. Dieser Realismus macht dieses Werk zu einem großen Highlight der jüngeren deutschen Filmgeschichte.

Die dänische Hauptdarstellerin Stine Fischer Christensen überzeugt in jeder Einstellung und offenbar ihren seelischen Zustand dem Zuschauer, der von ihrer Darstellung angesogen wird. Das ist atemberaubend, spannend, emotional und am Ende letztlich: großes Kino.

9/10

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