Freitag, 11. Februar 2011
Das Lied in mir


Die Frage, ob die eigenen Eltern auch die biologischen Erzeuger sind, möchte man sich gar nicht stellen. Denn wenn man jahrelang das Urvertrauen kennenlernt, zweifelt man keine Sekunde an der Elternschaft. Durch einen Zufall hört Maria (fabelhaft dargestellt von Jessica Schwarz) ein spanisches Kinderlied, während sie in Buenos Aires auf ihren Anschlussflug nach Chile wartet. Sie ist völlig verstört, denn wieso kann sie dieses Lied mitsingen, obwohl sie weder Spanisch spricht noch jemals in Argentinien gewesen ist. Es stellt sich heraus, dass sie in Argentinien geboren wurde und ihr Erziehungsberechtigter Anton zwar die Vaterfigur eingenommen hat, aber nicht der biologische Erzeuger ist, sondern Maria im Alter von drei Jahren mit nach Deutschland gebracht hat. Die schmerzhafte Suche nach der eigenen Geschichte und Identität beginnt damit für Maria in einer Stadt, in der die ersten Probleme schon bei der reibungslosen Kommunikation beginnen.

Der Debütfilm von Florian Micoud Cossen macht glücklicherweise einige Fehler nicht, die in vergleichbaren Filmen gemacht werden und aus allgemeinen Filmklischees hätten entstehen können. Natürlich ist diese Nachricht ein sehr emotionaler Moment für Maria, dennoch überreagiert sie nicht, sondern handelt verhältnismäßig kontrolliert. Dieses Maß an Selbstkontrolle spielt Jessica Schwarz hervorragend, der man die Rolle zu jeder Sekunde abnimmt. Bevor Vorwürfe gemacht werden, versucht Maria die Gründe zu erkennen und zu ermitteln. Die Kamera verfolgt die Geschichte immer dicht an den Protagonisten hangelnd. Diese Bildsprache ist enorm wichtig für den Film, da hier weitaus mehr mit Bildern, als mit Worten erzählt wird. Die deutschen Dialoge sind schon spärlich gesäht, bei den spanisch sprachigen Dialogen wird der Zuschauer durch den Verzicht von Untertiteln bewusst in die Lage von Maria versetzt, die, wie der Betrachter, kein Wort versteht.

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Realität wird niemals übertrieben dargestellt, sondern wirkt durchweg authentisch. Es werden die richtigen Fragen gestellt ohne zu geschwätzig einen Problemfilm eher auf die klassische Art und Weise zu erzählen. So wird die Geschichte durch eine durchweg traurige Atmosphäre begleitet, die trotz der brillanten stillen Szenen am Ende doch zu wenig bietet. Zu viele Fragen bleiben offen. Das mag bewusst gewählt sein, nimmt dem Film aber unnötig Spannung, da einige Hintergründe einfach zu kurz kommen bzw. komplett verschwiegen werden. Damit wird Potenzial für ganz großes Kino verschenkt, auch wenn 90% der Regiedebütanten froh wären, einen solchen Film auf die Beine gestellt zu haben.

7/10

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