Freitag, 6. Januar 2012
Jonas
dopo, 13:05h

Seit einigen Jahren hat das Genre der Reality-Doku einen Platz im Kino gefunden. Nehmen wir Michael Moore oder Sascha Baron Cohen (besser auch bekannt als Borat oder Brüno), die Ihre Figuren in einer Realität zeigen, die hin und wieder fingiert ist. Der Trick: Der Zuschauer erfährt niemals, was geskriptet und was tatsächlich so passiert ist. Genau diese Tatsache macht diese Projekte so spannend, weil der Zuschauer merkt, wie er sich der Manipulation hingibt. Auf diese Vorbilder lose angelehnt, nimmt Christian Ulmen die Rolle des 18jährigen Jonas ein, der an einer Berliner Gesamtschule seine letzte Chance auf einen Schulabschluss erhalten soll. Das Verrückte an diesem Experiment ist: Die Lehrer wissen eigentlich, dass Jonas eine Figur von Christian Ulmen ist, die Schüler jedoch nicht. So vermischt sich auf eine sehr eigenwillige Art und Weise die Realität mit Fiktion. Denn Christian Ulmen bleibt nonstop als Jonas präsent, sodass die Lehrer sehr schnell vergessen, wer Jonas eigentlich ist.
Gefilmt wird also der echte Schulalltag, mit all seinen Sonnen- und Schattenseiten. Selbstverständlich weiß Christian Ulmen zu jeder Zeit was er dort tut und macht es seinen Mitmenschen selten wirklich leicht. Entgegengesetzt zu seiner grandiosen Serie „Mein neuer Freund“ überschreitet Jonas hier keine Grenzen, um hemmungslos zu nerven und seine Welt in den Wahnsinn zu treiben, seine skurrilen Aktionen laufen stets auf ein Ziel hinaus: Mehr Sympathie zu sammeln – erschreckend, wie leicht dies zu gelingen scheint.
Der dokumentarische Stil der Bilder erweckt auch beim Zuschauer zwischendurch den Anschein eine echte Dokumentation zu sehen. Glücklicherweise ist man aber in der Lage sich aus der einseitigen Betrachtung zu befreien, im Zweifelsfalle tut es Jonas für uns. Der Film überzeugt jedoch nicht nur mit seiner schrägen Grundsituation und den teils sensationellen Einfällen, sondern hebt auch die in Verruf geratene Situation an den deutschen Schulen hervor. Denn wir sind nicht auf einem Elitegymnasium, sondern einer stinknormalen Gesamtschule. Also liebe Schwarzmaler da draußen – seht selbst, unsere Jugend ist zum größten Teil mehr als akzeptabel. Der Film bleibt trotzt kleinerer Längen ehrlich und präsentiert eine bittere, wenn auch wahre Pille, die wir alle wohl schlucken müssen. Mit Sympathie kommt der Mensch im Leben weitaus weiter als mit Leistung. Wobei, wir alle waren Schüler! Im tiefen Inneren wussten wir das doch schon immer.
8/10
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