Montag, 14. März 2011
Almanya -Willkommen in Deutschland


Dieser Film hätte kaum einen besseren Starttermin finden können, als in diesem Frühjahr zu starten. Die hiesige Diskussion bezüglich Integration, Migranten und Co. ist abgekühlt, sodass dieser Beitrag zu dem Thema nicht unnötig aufgezwungen wirkt. Denn die unterhaltsame Geschichte vom Familienoberhaupt Hüseyin, der als Gastarbeiter in den 60er Jahren nach Deutschland kommt, ist voll gepackt mit satirischen Anspielungen, die weder die Deutschen noch die Türken verschont lassen.

Die Familie lebt mittlerweile in der dritten Generation in Deutschland und Hüseyins Enkel Cenk fragt sich, wo er eigentlich herkommt, nachdem er im Sportunterricht nicht in die deutsche, aber eben auch nicht in die türkische Fußballmannschaft gewählt wurde. Cenk lässt sich bei einem Familientreffen die Familiengeschichte von Beginn an erzählen, was im Film als eigener Handlungsstrang gezeigt wird. So verbindet Almanya beide Zeitebenen sehr geschickt und lässt damit eine größere emotionale Bindung des Zuschauers gegenüber den Protagonisten zu. Ebenfalls gibt er dem Publikum die Möglichkeit die Problematik von Einwanderern in Deutschland zu verstehen, ohne dabei die Moralkeule auszupacken, sondern besitzt immer das Fingerspitzengefühl zwischen Humor und Tragik – eine Gratwanderung, welche die beiden Regiedebütanten Nesrin und Yasemin Samderili ohne Probleme meistern.

Nicht nur aus diesem Grund erinnert der Film ein wenig an eine deutsch-türkische Ausgabe von Little Miss Sunshine. Durch die klassischen Roadmovieansätze (Hüseyin hat ein Haus in der Türkei gekauft und möchte mit der ganzen Familie dorthin reisen), dem Familienbus und den Familiengeschichten erreicht er beinahe das Niveau des unterstellten Vorbildes.
Einzig die Elemente rundum die Rede vor der Kanzlerin, bei der Hüseyin als 1.000.001 Gastarbeiter im Schloss Bellevue auftreten soll, wirken etwas erzwungen und künstlich inszeniert und drücken dem Film den Integrationsstempel auf. Subtil ist anders.

Die gesamte Laufzeit spürt man das Herzblut der Macher und das macht den Film so unglaublich sehenswert, auch wenn nicht alle Darsteller schauspielerisch überzeugen können. Diese Herzlichkeit, die den ganzen Film trägt, macht Almanya zu einem Kinoerlebnis erster Klasse, was von den tollen Aufnahmen aus der Türkei und den melancholischen Schlussbildern noch tatkräftig unterstützt wird. Das Schlusszitat von Max Frisch sollten sich einige auch heute noch mal vor Augen führen. Denn es kamen nie bloß Arbeitskräfte, sondern Menschen, die ihre Existenz in ihrer Heimat aufgegeben haben und uns dabei geholfen haben, zu der Wirtschaftsmacht zu werden, die wir heute sind. Leider ist der Mensch ein vergessliches Wesen.

8/10

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