Sonntag, 9. Januar 2011
Howl
dopo, 15:10h

Es gibt mittlerweile zahlreiche Filme, die sich auf wahre Begebenheiten berufen, das Leben schreibt eben noch die besten Geschichten. Anders lässt sich die hohe Anzahl der Biografien, Tatsachenfilme oder auf Erzählungen basierende Werke in den letzten Jahren nicht erklären. Viel seltener dagegen dreht sich ein gesamter Film, um ein literarisches Werk bzw. dessen Entstehung. Preisgekrönte Beispiele sind „The Hours“ oder auch „Capote“, bei denen jeweils die Hauptrolle mit dem Oscar ausgezeichnet worden war. Soweit wird es für James Franco mit Sicherheit nicht kommen, obwohl seine Leistung zu der bisher Besten seiner Karriere gehört. Er spielt den Poeten Allen Ginsberg, Autor des skandalsträchtigen Gedichtes „Howl“.
Dieses Werk begleitet den Zuschauer kontinuierlich durch den Film, obwohl die Haupthandlung zwischen zwei Schauplätzen hin und her wechselt. Der eine Ort ist der Gerichtssaal, in dem Ginsbergs Verleger wegen Veröffentlichung von Obszönität angeklagt ist. Der Andere ein unbekanntes Zimmer, in dem Ginsberg über seine Arbeit, Inspiration und auch über Hintergründe des Skandalswerkes „Howl“ spricht.
Verknüpft werden die zwei Erzählebenen durch düstere Animationen, die immer wieder die Handlung des Gedichtes wiedergeben. Der Zuschauer hört das Gedicht nicht bloß, er erlebt es in wirren und atmosphärischen Bildern. Daneben trägt James Franco es voller Inbrunst einer kleineren Gruppe vor. Der Film spielt also auf vier verschiedenen Ebenen, der durch eine fünfte dokumentarische Seite noch verstärkt und weitere Authentizität erhält.
Diese kreative Vielfalt macht den Film mitunter sehr anstrengend zu verfolgen. Während man die kräftigen Verse erst einmal zu verarbeiten und verstehen versucht, geht die Handlung im Film natürlich schon weiter und prügelt sehr intelligente Mono- und Dialoge auf den Zuschauer ein, die ebenfalls erst einmal wirken müssen. Dieser Effekt scheint gewollt zu sein. Schließlich ist der Film ein flammendes Plädoyer für das freie gesprochene und geschriebene Wort. Ein Thema, was auch immer Jahre 2011 immer noch oder gerade wieder aktuell ist. Das Urteil über „Howl“ war für die Literaturszene ähnlich bedeutsam wie für die Schwulenbewegung der 50er Jahre. Die Grundfrage der Anklage kann somit beantwortet werden. „Howl“ ist von literarischem Wert und bleibt auch noch Jahrzehnte nach der Veröffentlichung von großer Bedeutung.
So kreativ und detailliert die Regisseur Rob Epstein und Jeffrey Friedman all diese Themen in den Film einflechten, so überfordert werden einige Zuschauer das Kino verlassen haben. Es ist an einigen Stellen schlichtweg zu viel auf einmal und Emotionen werden unterdrückt, da diese sich nicht entfalten können. Denn nach einigen Momenten wird das Hirn wieder mit weiteren audiovisuellen Bombardements attackiert!
8/10
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